Erzähl mir vom Schicksal:

Der Artikel ist in gekürzter Form veröffentlicht worden im Magazin der Zeitschrift "Praxis Kommunikation" (04/2020) des Junfermann-Verlags:

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 „Das Schicksal mag unseren Weg bestimmen. Aber wir entscheiden selbst, ob wir kriechen oder aufrecht gehen.“ 

Unbekannt - aus dem Internet gefischt

   
         

Über die Beziehung vom Schicksal zur Selbstbestimmtheit in Coaching, Therapie und medialer Beratung.

Von Der Entstehung der Frage

Noch bis vor wenigen Jahren habe ich die Auffassung vertreten, dass es das Schicksal nicht gibt. Schicksal bedeutete für mich der Glaube daran, dass eine höhere Macht die Ereignisse im Leben vorherbestimmt und mir jeglicher freier Wille entzogen ist. Da für mich Selbstbestimmtheit und Wahlfreiheit hohe Werte sind, konnte ich mich mit einem Konzept des Schicksalhaften, wie ich es interpretierte, nicht identifizieren. Zugleich setzte ich Schicksalsgläubigkeit mit einer Opferhaltung („ich kann ja doch nichts ändern.“) gleich, weswegen ich zu diesem Thema eine eher ablehnende Haltung bei mir wahrnehmen konnte.  

 

Meine Haltung zum Schicksalsbegriff geriet dann jedoch insbesondere durch meine Coaching-Klienten zunehmend ins Wanken. Immer öfter begegneten mir Menschen, welche Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der für sie vorgesehenen Lebensaufgabe und ihrer Bestimmung zu mir in die Praxis führten. Dadurch begann ich, meine Definition von Schicksal zu hinterfragen und mich für neue Sichtweisen zu interessieren. Je mehr ich mich allerdings mit dem Thema befasste, umso mehr Fragen schienen in mir dazu aufzusteigen.

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal im Coaching? Schließen sich Schicksalsgläubigkeit und Selbstbestimmtheit aus? Unterscheidet sich die Perspektive auf das Schicksal in den Kontexten von Coaching und Therapie? Und welche Erfahrungen gibt es dazu in dem mir noch weniger bekannten Bereich der medialen Beratung (Trauerbegleitung + Jenseitskontakte)?

Ich nahm an, dass in dem medialen Beratungskontext der Glaube an das Schicksal fest verankert sein müsse und war gespannt, welche Einsichten es hier zu gewinnen gäbe.  

 

So entstand die Idee mit jeweils einem Fachexperten aus dem Bereich Coaching, Therapie und medialer Beratung ein Gespräch zum Thema Schicksal zu führen, um meine Anschauungen zu erweitern und vielleicht etwas Klarheit zu gewinnen.

Auf der Suche nach Antworten traf ich auf Menschen, die meine Sichtweise auf das Thema veränderten. Drei Frauen, drei Expertenrollen, drei Perspektiven, drei inspirierende Gespräche. 

Die Interviews

Coaching: Das Schicksal in die Hand nehmen

Ingrid Huttary – Coach für souveräne Führung und gesunde Lebensbalance, NLP-Lehrtrainerin und Lehrcoach. Arbeitet in Berlin, auf Kreta und online: https://offene-horizonte.de

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal für Dich?

Ingrid Huttary: Schicksal ist für mich das Geworfensein in einen bestimmten Kontext. Also die Umgebung, in welche ich hineingeboren werde, der Körper und das Potenzial, das ich mitbekommen habe. Daran kann ich nichts ändern. Zum Schicksal gehört für mich auch die Prägung. Diese kann günstig oder eben auch hinderlich sein.

 

Dazu vielleicht ein Beispiel aus meinem Leben. Meine Mutter starb sehr früh in meiner Kindheit. Das hat mich natürlich geprägt. In meiner NLP-Ausbildung habe ich anhand der Submodalitäten erforscht, wie ich meine Mutter innerlich wahrnehme. Das waren eher dunkle, statische Bilder. Diese habe ich dann über die Submodalitätenarbeit verändert und mir innerlich einen fröhlichen, bunten Film gebaut, in dem viel gelacht wurde. Das war für mich ein großer Unterschied im Empfinden bei der Wahrnehmung meiner Mutter. Erstaunlich war für mich, dass einige Zeit später mein Bruder eine Filmaufnahme meiner Mutter gefunden hat, in welcher eine fröhliche Szene recht ähnlich meines inneren Films zu sehen war. Die Fröhlichkeit war also neben der Schwere auch ein Teil meiner Vergangenheit mit meiner Mutter. Ich hatte diesen Teil meiner sehr frühen Kindheit nur nicht in meiner bewussten Wahrnehmung. Der Verlust meiner Mutter war für mich mein Schicksal, also das, was mich geprägt hat.

 

Für mich geht es darum, wie ich mit dem Schicksal umgehe oder was ich daraus mache. Im NLP nennen wir so etwas Reframing. Denn dieser Schicksalsschlag hat mich ja auch gestärkt. Schicksal hat für mich immer diese zwei Seiten – ich kann aus einer hinderlichen Prägung etwas Schönes entstehen lassen.

 

Ist das Schicksal selbst oder nur der Umgang mit dem Schicksalhaften beeinflussbar?

Ingrid Huttary: Aus meiner Sicht ist das Schicksal beeinflussbar. Ich glaube nicht an Vorherbestimmung. Ich denke, dass ich zu jedem Zeitpunkt schauen kann, was ich aus dem mache, was bisher geschehen ist. So kann ich sogar meine Vergangenheit verändern – nämlich durch die Art wie ich diese wahrnehme.

 

Was ich immer verändern kann ist die Bewertung des schicksalhaft Widerfahrenen. Das konnte ich jetzt wieder durch die Corona-Krise erfahren. Da gab es die Situation, dass ich auf einmal meine Präsenzseminare nicht mehr geben durfte, nicht mehr zum Chor gehen und war auf einmal im persönlichen Kontakt reduziert auf meine drei Familienmitglieder. Wie ich diese Situation bewerte, kann ich selbst beeinflussen. Denn ich kann auch sagen: „Okay, das ist meine Chance Tempo herauszunehmen und einmal ganz intensiv Zeit mit meinen Töchtern und meinem Mann zu verbringen.“ Die Bewertung des Schicksalhaften ist aus meiner Sicht also stets beeinflussbar.

 

Doch ich denke ebenso, dass ich neben der Bewertung auch ganz aktiv mein Schicksal beeinflussen kann. Und so denken auch meine Klienten. Denn sie kommen zu mir, gerade weil sie ihr Schicksal in die Hand nehmen und etwas ganz anderes machen möchten.

 

Was passt eher zu Deinem Weltbild: der Schicksalsschlag als Ergebnis einer Handlung/Haltung oder als Zufallsereignis?

Ingrid Huttary: Bei Schicksalsschlägen, wie z.B. Erkrankungen, glaube ich an irgendetwas dazwischen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn jemand sagt: „Den Krebs hast Du bekommen, weil er Dir etwas zeigen will.“ Monokausale Zuschreibungen sind dümmlich, sagte Gunther Schmidt. Das sehe ich auch so. Bei einer solchen Situation gefällt mir der Ansatz: „Wie gehe ich jetzt mit dem Widerfahrenen förderlich um?“

Also ich setze meinen Fokus darauf, was ich aus der Situation mache und wie ich diese bewerte.

 

Da kenne ich einige Beispiele von Menschen, die gestärkt aus einer schicksalhaften Situation hervorgetreten sind. Manche haben dies rückblickend sogar als Geschenk gesehen. Das muss man erstmal können! 

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal in Deinen Sitzungen?

Ingrid Huttary: Der Begriff Schicksal taucht in meinen Sitzungen weniger wortwörtlich auf, eher in seiner Bedeutung. Meine Coaching-Klienten sind Selbstzahler. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und möchten aktiv etwas verändern: raus aus der immer gleichen Schleife, hinderliche Verhaltensmuster auflösen, Selbstzweifel ablegen, etc. Und all dies mit dem Ziel, dass das Leben schöner wird.

 

In manchen Firmentrainings erlebe ich auch immer wieder Teilnehmer, die sich weniger selbstwirksam, sondern mehr in einer Opferhaltung erleben. Da gibt es dann eine Schicksalsgläubigkeit nach dem Motto: „Ich bin so wie ich bin. Ich kann da nichts verändern. Ich kann da gar nichts für. Die anderen sind es.“ Da kommt jetzt natürlich auch mein Weltbild durch. Schicksalsgläubigkeit verbinde ich eher mit einer Opferhaltung.

 

Wie gehst Du in Deinen Sitzungen damit um, wenn Dir dort das Schicksal begegnet?

Ingrid Huttary: Wenn mir jemand im Kontext Schicksal mit einer Opferhaltung begegnet, reagiere ich manchmal auf wertschätzende Weise etwas provokativ, um das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es sich beim Gesagten nicht um die Wahrheit handelt, sondern um die eigene Wahrnehmung. Denn die eigene Wahrnehmung können wir beeinflussen. Und wenn jemand bei seiner Haltung bleibt, ist das auch okay. Alles, was ich mache, verstehe ich als Angebot. Jeder ist dabei frei dieses auch abzulehnen. Doch das ist eher selten.

 

Im Coaching begegnen mir Menschen, die überzeugt sind Prägungen auch verändern zu können. Im NLP gibt es die Intervention „Reimprint“, die wir machen können, wenn eine Prägung nicht so günstig war. Das ist sehr hilfreich. Coaching und NLP haben sehr viel zu bieten, wenn es darum geht, das Schicksal zu beeinflussen und schicksalhaft Widerfahrenes neu und positiv zu bewerten. 

Therapie: Dem Schmerz ausgeliefert

Sabrina Siefert - Psychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis in Frankfurt a.M. und Königstein: http://psychotherapie-siefert.de/

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal in Deinen Sitzungen?

Sabrina Siefert: In meinen Sitzungen begegnen mir viele Menschen mit chronischen Schmerzen. Der Begriff Schicksal ist recht häufig Thema. Viele meiner Klienten erleben ihre Erkrankung als große schicksalhafte Ungerechtigkeit. Ähnlich wie bei einem schicksalhaften Verlust erleben sie bei der chronischen Schmerzerkrankung das Gefühl des Ausgeliefertseins. Das Schicksalhafte wird dann oft mehr als Tatsache wahrgenommen, denn als etwas, das lösbar ist: man ist in einer Erkrankung gefangen, die man nicht verändern kann.

 

Der Hauptfokus in den Gesprächen liegt auf der Akzeptanz des Schicksals. Akzeptanz umfasst therapeutisch dabei mehr als ein sich-ergeben. Es geht um das Erforschen dessen, was Akzeptanz im Hinblick auf Verhalten, Erleben und Umgang mit der Situation individuell bedeutet.

Für meine Klienten bedeutet Schicksal weniger etwas Vorherbestimmtes als eher ein Zufallsereignis, mit dem es nun umzugehen gilt.

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal für Dich?

Sabrina Siefert: Mir fällt auf, dass meine Klienten das Schicksal stark mit etwas Negativem verbinden. Das sehe ich nicht so. Für mich ist Schicksal etwas, das negativ und auch positiv konnotiert sein kann. Es sind einfach Zufälle, die im Leben eintreffen und die dazu führen, dass sich auf einmal ein ganz positiver Weg schicksalhaft vor mir auftut oder sich etwas Negatives ereignet. Negative Schicksalsmomente verbinde ich stark mit Verlust.

 

Ich selbst hatte schon als Kind eine extrem positive, fantasievolle und optimistische Lebenseinstellung, gepaart mit der Vorstellung, dass ich früher oder später mit genug Willen und Motivation alles erreichen kann, was ich mir vornehme. Das hat mir vermutlich ein Leben lang dabei geholfen, mich nach Schicksalsschlägen aufzurappeln und daran zu wachsen.

 

Ist das Schicksal selbst oder nur der Umgang mit dem Schicksalhaften beeinflussbar?

Sabrina Siefert: Ich glaube, dass es Momente im Schicksalhaften gibt, die wir nicht verändern können. Den Tod eines Menschen z.B. oder die Diagnose einer unheilbaren Krankheit. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir Schmied unseres eigenen Glücks sind. Ich glaube, dass ich Einfluss auf das Gefühl zum Umgang mit dem Schicksalhaften nehmen und so eine Veränderung oder sogar Verbesserung erreichen kann. Somit glaube ich an einen teilweisen Einfluss auf das Schicksal, der über den bloßen Umgang mit dem Schicksalsmoment hinausgeht: ich kann entscheiden, welchen Weg ich einschlagen möchte. Und das kann zu völlig unterschiedlichen Lebenswegen führen. 

 

Bei meinen Schmerzpatienten begegnet mir anfangs oft eine Opferhaltung, also das Gefühl des Ausgeliefert-Seins. Viele kämpfen ja schon Jahrzehnte mit ihrem Schicksal. Es gibt aus meiner Sicht drei Varianten, die ich ganz grob und stark verallgemeinert zusammenfasse: Typ 1: Manche Klienten sehen ihre Schmerzerkrankung als vollkommen willkürliches und ungerechtes Zufallsereignis. Typ 2: Andere internalisieren im Zuge einer Selbstwertthematik das Ereignis stark: „Ich bin so schlecht. Ich bin nicht gut genug. Ist ja klar, dass mir so etwas passiert.“ Typ 3: Einige Klienten internalisieren das Ereignis eher als Konsequenz eines langjährigen ungünstigen Verhaltensmuster: „Ich habe so lange über meine Grenze agiert. Es ist daher absolut nachvollziehbar, dass mein Körper mir nun eine Grenze aufzeigt.“

 

Wie gehst Du in Deinen Sitzungen damit um, wenn Dir dort das Schicksal begegnet?

Sabrina Siefert: Ich bewege mich in einem eher asymmetrischen Kontext zwischen der therapeutisch erforderlichen Zurückhaltung und dem Wunsch, für meine Klienten nützlich zu sein und am liebsten für alles eine Lösung zu finden. Es macht natürlich auch etwas mit mir, wenn ich weiß, dass ich unter diesem Schicksalsaspekt weniger Veränderungsmöglichkeiten habe, als wenn ich zum Beispiel mit Klienten verändernd an Persönlichkeitsstrukturen arbeite. Bei den Klienten, die anfangs stark im Opfererleben verharren, spielt eine intensive Beziehungsgestaltung nach meinem Empfinden eine große Rolle dabei, dass schon nach wenigen Gesprächen wieder ein Gefühl von Selbstbestimmtheit und Optimismus aufkommen kann.

 

Bei den oben zusammengefassten Typen setze ich jeweils andere Schwerpunkte in den Sitzungen. Bei Typ 1 geht es darum, Eigenanteile und Selbstwirksamkeitserleben bewusst zu machen. Typ 2 begegne ich mit selbstwertklärenden Interventionen, um die abwertenden Selbstschuldzuweisungen aufzulösen und zu einem positiven Selbstwirksamkeitserleben zu finden. Typ 3 hat bereits reflektiert, worauf er Einfluss hat und was es für eine positive Veränderung braucht. Da geht es dann darum, zu validieren und auf dem Veränderungsweg zu unterstützen. 

 

Wichtig ist mir in der Arbeit mit Klienten den Fokus auch auf das positiv Schicksalhafte zu legen. Vor allem jedoch ist für mich das Aufzeigen der Selbstwirksamkeit ab dem Eintritt des negativen Schicksalsschlags von großer Bedeutung. 

Mediale Beratung: HERAUSGEFORDERT In der Menschlichkeit

Clara Velloni - mediale und sensitive Beraterin, Trauerbegleitung und Jenseitskontakte in eigener Praxis in Geroldswil bei Zürich: http://www.mialma.ch/

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal in Deinen Sitzungen?

Clara Velloni: Wenn eine Person im höheren Alter stirbt, ist das für viele der normale Lauf des Lebens. Wenn aber jemand sehr jung stirbt, vielleicht sogar ein Kind, oder wenn sich jemand das Leben nimmt, ist es nicht mehr so selbstverständlich. Dann kommt die Frage auf: „Warum musste das passieren?“

 

In meinen Sitzungen ist das Schicksal daher oft Gesprächsthema. Schicksal wird dabei als ein Ereignis verstanden, welches laut Lebensplan vorgesehen war. Manche meiner Klienten verstehen einen Schicksalsschlag auch als Strafe. Sie haben Schwierigkeiten damit zu unterscheiden, was vorgesehen ist und was nicht.

 

Wenn ich mich als mediale Beraterin mit der Seele eines Verstorbenen verbinde, nehme ich oft wahr, dass der Umstand des Todes so sein musste. Man hätte es nicht verhindern können. Wenn nicht dieser Unfall passiert wäre, wäre etwas anderes passiert. Der Tag war einfach gekommen. Für den Hinterbliebenen ist das Schicksalhafte oft schwierig zu verstehen. Es trifft auf Unverständnis, Machtlosigkeit, sowie der meist quälenden Frage: „Wäre es zu verhindern gewesen? Hätte ich etwas tun können?“

 

Welche Bedeutung hat das Schicksal für Dich?

Clara Velloni: Für mich bedeutet Schicksal das Eintreten von im Lebensplan vorherbestimmten Ereignissen. Schicksal ist für mich auch immer ein bisschen wandelbar. Etwas muss geschehen. Das Wie ist vielleicht veränderbar. Aber es tritt ein. Es folgt einer höheren Macht und hängt auch mit Karma zusammen. Nach meiner Vorstellung sind wir alle Teil von etwas Größerem, etwas Göttlichem. So wie ich mir das vorstelle ist der Lebensplan wie eine Abmachung, bei welcher meine Seele als Teil des Göttlichen mitgewirkt hat. Meine Seele möchte also bestimmte Erfahrungen machen und erleben. Aber dann kommt meine Menschlichkeit dazwischen. Als Mensch erinnere ich mich nicht an meinen Lebensplan. Doch darum geht es ja: die Menschlichkeit herauszufordern und immer ein bisschen weiser zu werden, sich zu erinnern. 

 

Und dann kann es auch sein, so glaube ich, dass ich mich auf Seelenebene und aus Liebe bereiterklärt habe, bestimmte Ereignisse zu erleben, um anderen Seelen gewisse Erfahrungen zu ermöglichen. Zum Beispiel erlebte ich, wie jemand eine Krebserkrankung bekam. Und in seinem Umfeld veränderten sich dadurch so viele Menschen: in Bezug auf Liebe, Mut, Demut. Diese eine Person wurde plötzlich zum Lehrmeister für viele.

 

Ist das Schicksal selbst oder nur der Umgang mit dem Schicksalhaften beeinflussbar?

Clara Velloni: Es gibt aus meiner Sicht zwei verschiedene Arten von Schicksal. Das eine sind Ereignisse, die passieren müssen. Hierzu gehört aus meiner Sicht auch das Ereignis des Todes. Das andere sind Situationen, die karmischer Natur sind. Vielleicht war vorgesehen, dass ich durch einen Unfall querschnittsgelähmt werde, weil aus karmischen Gründen die Erfahrung von bspw. Abhängigkeit, Demut, Überwinden des Tiefs usw. in diesem Leben wichtig für mich ist. Ich werde dann vom Leben durch viele vorherige Situationen immer wieder daran erinnert, dass es um diese Lernerfahrungen geht. Wenn ich alle Erinnerungen übergehe, tritt der Unfall ein. Wenn ich mich jedoch mit mir selbst auseinandersetze, den Erinnerungen aufmerksam begegne und daraus die Lernerfahrung ziehe, dann kann ich mein Schicksal ändern, weil das Ereignis nicht mehr notwendig ist.

Bestimmte Qualitäten von Erleben sind vorherbestimmt. Und manchmal braucht es gewisse Situationen, um diese Qualitäten zu erleben.

 

Wie gehst Du in Deinen Sitzungen damit um, wenn Dir dort das Schicksal begegnet?

Clara Velloni: Wenn mir ein Klient begegnet, der sich eher als Opfer erlebt, dann erzähle ich einfach von den Wahlmöglichkeiten, die man im Umgang mit einem Schicksalsschlag aus meiner Sicht immer hat. Ich versuche sie zu motivieren etwas zu verändern und im Leben weiter voranzugehen. Und ich gebe ihnen Werkzeuge an die Hand, wie man das machen kann.

 

Im Spanischen bedeutet das Wort für Schicksal gleichzeitig auch Ziel. Das Wort im Deutschen kommt vom altniederländischen „schicksel“ und bedeutet eigentlich Fakt. Der Begriff „vorherbestimmt“ passt daher eigentlich ganz gut. Und doch verbinde ich es mit etwas Herausforderndem. Ich werde herausgefordert etwas zu machen, was der menschlichen Seite von mir vielleicht gar nicht so lieb ist. Natürlich gibt es auch wunderschöne Schicksalsereignisse. Doch der Schicksalsbegriff ist für mich irgendwie immer mit so einer gewissen Schwere verbunden, denn man weiß ja nie, was vorherbestimmt ist. Man hofft einfach, dass alles gut kommt.

 

Auch wenn ich an Vorherbestimmung glaube, so glaube ich auch an den freien Willen. Der freie Wille liegt nur nicht im Schicksalhaften selbst, sondern in der Antwort darauf. Wie ist meine Haltung zu dieser Situation? Ich kann mich als Opfer sehen, mich zurückziehen, vielleicht grimmig und verbittert werden. Ich kann auch sagen: „Okay, das ist passiert. Wie gehe ich damit um? Wie mache ich jetzt weiter?“ Das ist meine freie Entscheidung.

 

Ein absolut bewundernswertes Vorbild zum Umgang mit dem Schicksal ist für mich Nick Vujicic, der ohne Arme und ohne Beine auf die Welt kam. Seine Haltung ist beeindruckend, seine Ausstrahlung positiv und seine Arbeit inspirierend. 

Die Freie Wahl

Ich merke, dass diese drei verschiedenen Perspektiven auf das Thema Schicksal noch heute in mir nachwirken. Für mich habe ich noch keine konkrete Antwort auf die Frage gefunden, was genau das Schicksal ist. Doch die Gespräche haben meine Sichtweise dahingehend verändert, dass ich statt einer ablehnenden Haltung zur Schicksalsgläubigkeit nunmehr eine Offenheit und Neugierde bemerke, sowie die Erkenntnis, dass es für mich noch weit mehr jenseits des Sichtbaren und kognitiv Überprüfbaren zu entdecken gibt.

 

In den drei Perspektiven gibt es für mich auch eine Gemeinsamkeit: der freie Wille und das Schicksalhafte schließen sich nicht aus. Es gibt eine Beziehung zwischen Schicksal und Selbstbestimmtheit. Und ich bin frei diese zu gestalten. Ob von etwas Größerem vorherbestimmt, durch Prägung entstanden oder von Zufällen bewirkt: ich habe eine freie Wahl, wie ich mit dem Schicksalhaften umgehe, wie ich im Kontakt mit mir und einer inneren Weisheit Lernaufgaben begegne und welchen Weg ich mit den Möglichkeiten, die ich in diesem Leben vorfinde, beschreiten möchte.